Magazin Beitrag

Langzeitarbeitslose auspeitschen!

Studie »Deutsche Zustände 9« zeigt: Bürger wollen »Back to the Roots«

Wer hätte es nicht schon gewusst, bevor diese Studie es nun allen bestätigt: Der Bürger, als weberscher Idealtyp zumal, ist gewalttätig und skrupellos, verkommen und roh; und diese »Rohheit« birgt eine doppelte Bedeutung: Die Rauhbautzigkeit, die der neu-alten Bürgerlichkeit eigen ist. Rohheit also, nicht nur als wieder unverblümte Brutalität, sondern auch als Reduktion auf das Wesentliche.

Doch sieht das Bürgertum selbst sich so? Natürlich nicht; es findet sich vor allem redlich. Den Mythos des Bürgertums hat schon der erste Weltkrieg, dann seine Fortsetzung im zweiten, desillusioniert. Doch wo mit dieser Einsicht täglich »Schluss« gemacht wird, kann auch er, der Mythos des redlichen Bürgertums, wieder wirksam werden. Das neue bürgerliche Selbstbewusstsein geht ganz natürlich einher mit der Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen, nach dem Sonntagsspaziergang im Schatten von Jugendstilhäusern, noch ungetrübt von der Erinnerung an den — ach so unerklärlichen — Ausrutscher von 1914 bis 45, das geheimste Geheimnis der Bürgerlichkeit, geheim zuallererst vor sich selbst.

Und diese neu-alte Bürgerlichkeit ist nicht nur verkommen, sie ist dreist obendrein. Anstatt sich seiner gesellschaftlichen Stellung zu schämen, sie zu verheimlichen und zu beheben, kommt der Bürger selbstbewusst daher, wie kaum ein anderer. Stolzstrotzend und mit geschwellter Brust, gerade so, als wollte er den Rest von uns überstrahlen, fühlt er sich als „Leistungsträger“, verwechselt systematisch sein Einkommen mit seinem „Verdienst“, pflegt das Ressentiment gegen die, genau besehen, doch durch seinen Unternehmergeist verarmten Klassen und rät zu Maßnahmen gegen dieselben. Wie kann es sein?

Wie also? Doch nur so, dass eine sichere Borniertheit ihn, wie wohl einen Großteil der Öffentlichkeit, daran hindert, des peinlichen Bildes inne zu werden, das er uns abgibt. Selbstherrlichkeit und Ignoranz also formen dies überaus harte Amalgam, das der Offensichtlichkeit seiner moralischen Niedrigkeit, der objektiven moralischen Niedrigkeit des Bürgers, standhält und uns tragische Clowns wie Sarrazin, Sloterdijk und Westerwelle vorführt.

„Besserverdienende“, d.h. also jene, die in der Lage und Willens sind, anderen unbezahlte Mehrarbeit abzupressen, hegen Ressentiments gegen „nutzlose“ Esser, also gegen jene, die Anspruch machen, noch durchgefüttert zu werden, selbst wo sie sich keiner Verwertung mehr zuführen lassen.

Geben wir den Bürgern einen Weis! Vielleicht gibt es einige unter ihnen, die es uns einmal heimlich danken werden, sie vor sich selbst, vor ihrem blind wütenden Überschwang, und so zugleich ihr Ansehen in den Augen aller aufrichtigen Leute, in den Augen, wenn nicht der zahlenmäßigen, so doch zumindest der qualitativen, der moralischen Mehrheit, gerettet zu haben. Vielleicht gibt es so einige, die selbst durch den Ekel und die Verachtung für ihre Stellung angefallen werden, welche diese qualitative Mehrheit schon jetzt und schon seit langem für sie hegt.

Gegen Ende des 15. und über das gesamte 16. Jahrhundert hinweg trug es sich zu, so können wir lesen, dass durch die Auflösung des feudalen Selbstversorgungssystems und die gewaltsame Enteignung von Grund und Boden in Westeuropa eine Unterklasse von Bettlern und Vagabunden entstand. Dies waren Leute, die so schnell und so umfangreich nicht durch die neuen Manufakturen absorbiert werden konnten, wie sie durch besagte Enteignung, durch die Entkleidung von ihren Subsistenzmitteln und die gewaltsame Aneignung der Gemeingüter seitens der Unternehmerklasse auf den Arbeitsmarkt geschleudert wurden.

Man braucht zur Anschauung solcher Prozesse der An- und Enteignung den Blick nicht per se in die Vergangenheit zu richten; in Afrika, China, Russland und Lateinamerika finden wir sie heute noch deutlich ausgeprägt. Doch in jener Kritik der politischen Ökonomie eines Karl Marx, betitelt „Das Kapital“, finden wir sie eindrucksvoll geschildert. Dies zudem auf dem Hintergrund einer tiefer einsetzenden Analyse und verbunden mit einigen Beispielen jener „Blutgesetzgebung wider Vagabundage“, welche das heute wieder verrohende Bürgertum, auf der Suche nach (s)einer praktischen Moral, instruktiv finden mag.

Oft ist es erhellend, auf den Ursprung zu blicken oder sich ins Detail zu versenken, um das Wesen zu kennen. Hier finden wir beides. Diese kleine Dokumentation der  Illegalisierung erzwungener Armut (MEW, 761ff) verdient es deshalb ausführlich zitiert zu werden. Vielleicht vergeht der einen oder dem anderen darüber der Stolz auf das lebendige Erbe dieser Geschichte bzw. die - qualitativ - bescheidene Dankbarkeit dafür, von der staatlichen Elendsverwaltung bloß so am Leben erhalten zu werden.

Geben wir nun also Marx das Wort …

… (und achten ferner nicht auf sein teleologisches Geschwätz — dies Opium des Proletariats und diesen Fusel der Sozialdemokratie):

»Die durch Auflösung der feudalen Gefolgschaften und durch stoßweise, gewaltsame Expropriation von Grund und Boden Verjagten, dies vogelfreie Proletariat konnte unmöglich ebenso rasch von der aufkommenden Manufaktur absorbiert werden, als es auf die Welt gesetzt ward. Andrerseits konnten die plötzlich aus ihrer gewohnten Lebensbahn Herausgeschleuderten sich nicht ebenso plötzlich in die Disziplin des neuen Zustandes finden. Sie verwandelten sich massenhaft in Bettler, Räuber, Vagabunden, zum Teil aus Neigung, in den meisten Fällen durch den Zwang der Umstände. Ende des 15. und während des ganzen 16. Jahrhunderts daher in ganz Westeuropa eine Blutgesetzgebung wider Vagabundage. Die Väter der jetzigen Arbeiterklasse wurden zunächst gezüchtigt für die ihnen angetane Verwandlung in Vagabunden und Paupers. Die Gesetzgebung behandelte sie als »freiwillige« Verbrecher und unterstellte, daß es von ihrem guten Willen abhänge, in den nicht mehr existierenden alten Verhältnissen fortzuarbeiten.

In England begann jene Gesetzgebung unter Heinrich VII.

Heinrich VIII., 1530: Alte und arbeitsunfähige Bettler erhalten eine Bettellizenz. Dagegen Auspeitschung und Einsperrung für handfeste Vagabunden. Sie sollen an einen Karren hinten angebunden und gegeißelt werden, bis das Blut von ihrem Körper strömt, dann einen Eid schwören, zu ihrem Geburtsplatz oder dorthin, wo sie die letzten drei Jahre gewohnt, zurückzukehren und »sich an die Arbeit zu setzen« (to put himself to labour). Welche grausame Ironie! 27 Heinrich VIII.1 wird das vorige Statut wiederholt, aber durch neue Zusätze verschärft. Bei zweiter Ertappung auf Vagabundage soll die Auspeitschung wiederholt und das halbe Ohr abgeschnitten, bei drittem Rückfall aber der Betroffene als schwerer Verbrecher und Feind des Gemeinwesens hingerichtet werden.

Edward VI.: Ein Statut aus seinem ersten Regierungsjahr, 1547, verordnet, daß, wenn jemand zu arbeiten weigert, soll er als Sklave der Person zugeurteilt werden, die ihn als Müßiggänger denunziert hat. Der Meister soll seinen Sklaven mit Brot und Wasser nähren, schwachem Getränk und solchen Fleischabfällen, wie ihm passend dünkt. Er hat das Recht, ihn zu jeder auch noch so eklen Arbeit durch Auspeitschung und Ankettung zu treiben. Wenn sich der Sklave für 14 Tage entfernt, ist er zur Sklaverei auf Lebenszeit verurteilt und soll auf Stirn oder Backen mit dem Buchstaben S gebrandmarkt, wenn er zum drittenmal fortläuft, als Staatsverräter hingerichtet werden. Der Meister kann ihn verkaufen, vermachen, als Sklaven ausdingen, ganz wie andres bewegliches Gut und Vieh. Unternehmen die Sklaven etwas gegen die Herrschaft, so sollen sie ebenfalls hingerichtet werden. Friedensrichter sollen auf Information den Kerls nachspüren. Findet sich, daß ein Herumstreicher drei Tage gelungert hat, so soll er nach seinem Geburtsort gebracht, mit rotglühendem Eisen auf die Brust mit dem Zeichen V gebrandmarkt, und dort in Ketten auf der Straße oder zu sonstigen Diensten verwandt werden. Gibt der Vagabund einen falschen Geburtsort an, so soll er zur Strafe der lebenslängliche Sklave dieses Orts, der Einwohner oder Korporation sein und mit S gebrandmarkt werden. Alle Personen haben das Recht, den Vagabunden ihre Kinder wegzunehmen und als Lehrlinge, Jungen bis zum 24. Jahr, Mädchen bis zum 20. Jahr, zu halten. Laufen sie weg, so sollen sie bis zu diesem Alter die Sklaven der Lehrmeister sein, die sie in Ketten legen, geißeln etc. können, wie sie wollen. Jeder Meister darf einen eisernen Ring um Hals, Arme oder Beine seines Sklaven legen, damit er ihn besser kennt und seiner sicherer ist. Der letzte Teil dieses Status sieht vor, daß gewisse Arme von dem Ort oder den Individuen beschäftigt werden sollen, die ihnen zu essen und zu trinken geben und Arbeit für sie finden wollen. Diese Sorte Pfarreisklaven hat sich bis tief ins 19. Jahrhundert in England erhalten unter dem Namen roundsmen (Umgeher).

Elisabeth, 1572: Bettler ohne Lizenz und über 14 Jahre alt sollen hart gepeitscht und am linken Ohrlappen gebrandmarkt werden, falls sie keiner für zwei Jahre in Dienst nehmen will; im Wiederholungsfall, wenn über 18 Jahre alt, sollen sie - hingerichtet werden, falls sie niemand für zwei Jahre in Dienst nehmen will, bei dritter Rezidive aber ohne Gnade als Staatsverräter hingerichtet werden. Ähnliche Statute: 18 Elisabeth c. 13 und 1597.

Jakob 1.: Eine herumwandernde und bettelnde Person wird für einen Landstreicher und Vagabunden erklärt. Die Friedensrichter in den Petty Sessions sind bevollmächtigt, sie öffentlich auspeitschen zu lassen und bei erster Ertappung 6 Monate, bei zweiter 2 Jahre ins Gefängnis zu sperren. Während des Gefängnisses soll sie so oft und soviel gepeitscht werden, als die Friedensrichter für gut halten … Die unverbesserlichen und gefährlichen Landstreicher sollen auf der linken Schulter mit R gebrandmarkt und an die Zwangsarbeit gesetzt, und wenn man sie wieder auf dem Bettel ertappt, ohne Gnade hingerichtet werden. Diese Anordnungen, gesetzlich bis in die erste Zeit des 18. Jahrhunderts, wurden erst aufgehoben durch 12 Anna c. 23.

Ähnliche Gesetze in Frankreich, wo sich Mitte des 17. Jahrhunderts ein Vagabundenkönigreich (royaume des truands) zu Paris etabliert hatte. Noch in der ersten Zeit Ludwigs XVI. (Ordonnanz vom 13. Juli 1777) sollte jeder gesund gebaute Mensch vom 16. bis 60. Jahr, wenn ohne Existenzmittel und Ausübung einer Profession, auf die Galeeren geschickt werden. Ähnlich das Statut Karls V. für die Niederlande vom Oktober 1537, das erste Edikt der Staaten und Städte von Holland vom 19. März 1614, das Plakat der Vereinigten Provinzen vom 25. Juni 1649 usw.

So wurde das von Grund und Boden gewaltsam expropriierte, verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert.

Es ist nicht genug, daß die Arbeitsbedingungen auf den einen Pol als Kapital treten und auf den andren Pol Menschen, welche nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft. Es genügt auch nicht, sie zu zwingen, sich freiwillig zu verkaufen. Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt. Die Organisation des ausgebildeten kapitalistischen Produktionsprozesses bricht jeden Widerstand, die beständige Erzeugung einer relativen Übervölkerung hält das Gesetz der Zufuhr von und Nachfrage nach Arbeit und daher den Arbeitslohn in einem den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals entsprechenden Gleise, der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Außerökonomische, unmittelbare Gewalt wird zwar immer noch angewandt, aber nur ausnahmsweise. Für den gewöhnlichen Gang der Dinge kann der Arbeiter den »Naturgesetzen der Produktion« überlassen bleiben, d.h. seiner aus den Produktionsbedingungen selbst entspringenden, durch sie garantierten und verewigten Abhängigkeit vom Kapital. Anders während der historischen Genesis der kapitalistischen Produktion. Die aufkommende Bourgeoisie braucht und verwendet die Staatsgewalt, um den Arbeitslohn zu »regulieren«, d.h. innerhalb der Plusmacherei zusagender Schranken zu zwängen, um den Arbeitstag zu verlängern und den Arbeiter selbst in normalem Abhängigkeitsgrad zu erhalten. Es ist dies ein wesentliches Moment der sog. ursprünglichen Akkumulation.«

  • 1. D.h. Gesetz aus dem 27. Regierungsjahr Heinrichs VIII. Die bei den folgenden Angaben an zweiter Stelle gegebenen Ziffern sind die Nummern der in dem betreffenden Regierungsjahr erlassenen Gesetze.

Kommentare

Faschisierung des "Bürgers"

»Die neue Formel des Abbaus von sozialstaatlichem Anrecht auf Unterstützung lautet: Gnade durch Wohlhabende und Selbstverantwortung der sozial Schwachen.« (IKG)

Da hat deutlich Sloterdijk souffliert, der heute wieder das produktive Kapital verteidigen will, zur einen Seite gegen das raffende Bankenkapital und zur anderen gegen die ebenso parasitären Armen. Das kennen wir alles schon.

Die Schuldprojektion eines bankrotten Systems - das sich in seiner Erklärungsnot rassistischer Ideologeme bedient - auf die Unterschichten, die es hervorbringt, ist auch nur all zu bekannt. Sarrazin ist den redlichen Bürgern peinlich nur, weil er herausposaunt, was die Konsequenz ihrer eigenen Ideologie ist, einer Ideologie die so umfassend und allgegenwärtig ist, dass sie selbst nicht mehr in den Blick gerät und also als »Ideologiefreiheit« gilt.

Die Umarmung von rechts (z.B. »Sezession«) sagt viel aus über die deutsche »Mitte« der Gesellschaft und die Überzeugungsgrundlagen all derer, die nun meinen: das müsse man »endlich wieder einmal sagen dürfen«.

Die Sozialdemokratie ist, wenn es brenzlich wird, mit einiger Folgerichtigkeit der natürliche Bundesgenosse des Faschismus. Hier bekommt man es vorgeführt. Es ist wichtig, den politischen Gegner unzweifelhaft identifizieren und also diese Tendenzen als das benennen zu können, was sie sind: faschistisch, sozialdemokratisch glasiert.

Diese Auseinandersetzung wäre zuzuspitzen und zu einem Kristallisationspunkt zu machen, denn in ihr geht es, anhand der unerträglichen sarrazinschen Rassismen, um die deutschen, die neoliberalen, die kapitalistischen Zustände überhaupt.

»Leistungsorientierung« und »Eigenverantwortung« beim Wort zu nehmen, hieße ohnehin: zu selbstorganisierten Enteignungen überzugehen; zumindest dem »Klassenkampf von oben« sich publizistisch ernsthaft entgegenzustemmen.

taz

»Die Umfrage belegt zugleich eine geradezu sprunghafte Zunahme rechtspopulistischer Einstellungen vor allem bei den Bürgerinnen und Bürgern mit höheren Einkommen (ab 2.598 Euro im Monat).«
http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/das-buergertum-verroht/

Mathe im NS

Deutsche Gören sind gut in Mathe. Toll! Im NS wurde im Schulunterricht ausgerechnet, was es den Staat kostet »unwertes Leben« zu erhalten. Gibt es das jetzt auch bald wieder? Wohin das damals geführt hat: in die grauen Busse der Aktion T4.

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