Magazin Beitrag

Unser Relativismus, unsere Reaktion

Die filmisch-revisionistische Aufarbeitung einer fanatisierten Generation mit Opferkomplex

Dem ZDF sei da ein großer Wurf gelungen. Unsere Mütter, unsere Väter wurde unisono gelobt. Das sei Geschichtsstunde voller großer Gefühle gewesen. Das Band of Brothers des deutschen Fernsehens. Die Geschichte fünf junger Menschen während des Zweiten Weltkrieges war dabei vieles, historische Auseinandersetzung aber sicherlich nicht. Eher das Märchen heldenhafter Selbstaufopferung, das zwischen den Zeilen immer wieder zu flehen schien: Könnt ihr Nachkommen jetzt endlich verstehen, welche Opfer wir erbracht haben, wie wir um unsere Jugendzeit beraubt wurden?

Das Böse nicht banal, sondern augenscheinlich

Was eigentlich hat der Titel mit dem, was man da vorgesetzt bekam, zu tun? Unsere Mütter, unsere Väter wirkte falsch gewählt, hatte keinen Bezug zum Inhalt des Dreiteilers. Doch der Titel ist aber angesichts der Thesen, die der Streifen unbewusst platzieren möchte, gar nicht fehlplatziert. Er stellt anhand des gedoppelten Possessivpronomens eine Zugehörigkeit zwischen Betrachter und den Hauptfiguren her. Die suggerierte Elternschaft soll Nähe schaffen und die kritische Distanz zu Nationalstolz und -fanatismus auflösen.

Der Film erzählt von irgendwie verführten jungen Menschen, die irgendwie den Verführungen erlagen. Irgendwie, weil der Stoff nicht aufzeigt, wie genau die Propaganda arbeitete, wie genau die Hauptfiguren sozialisiert wurden und welchem geistigen Milieu sie entsprangen. Diese graue Masse an Hauptdarstellern landet im Krieg. Zwei von ihnen treffen auf einen SS-Standartenführer, der eine Fratze des Bösen führt, dem man sofort ansieht, er sei der Verbrecher schlechthin, der uniformierte Teufel - und just in dem Augenblick schießt er einem jüdischen Menschen aus nächster Nähe ins Genick. Unsere Mütter und unsere Väter, die Generation jener Jahre, die als fünf Lebenswege gespielt werden, sind also von offensichtlichen Gewaltmenschen verführt und beeinflusst worden, von teuflisch grinsenden Schlachtern, die keine Widerworte duldeten. Die Banalität des Bösen dürfte Stefan Kolditz, der das Drehbuch schrieb, noch nie begrifflich untergekommen sein.

Mussten diese SS-Leute und Wehrmachtsverbrecher vorher eine Gesichtskontrolle passieren, die prüfte, ob man derbe Gesichtszüge, böse Mimik und schergische Aura besaß? Oder waren es nicht diese banalen Familienväter und Ehemänner, die sonntags auf dem Teppich mit ihren Töchtern und Söhnen spielten, den Braten der Gattin lobten und humoriger Nachbar und Vereinskollege waren, die dann gefühllos töteten? Männer mit weichen Gesichtszügen, mit oberflächlich betrachtet sympathischem Auftreten, vielleicht sogar ein wenig geisteswissenschaftlich beschult aussehend?

Junge Leute werden dem Publikum gezeigt, die nicht frei leben konnten, weil der Krieg böse aussehender Teufel dazwischenkam. Unsere Mütter, unsere Väter eben, wie sie behindert wurden in ihrer Jugendlichkeit. Bemitleidenswerte Jugendliche, die nicht durften, wie sie wollten. Den deutschen Hegemonialanspruch in der Welt tasteten sie jedoch nicht an. Der war für sie selbstverständlich. Sie waren allerdings nicht Mittäter und Helfer, sie waren Opfer ihrer Zeit, des Krieges und später dann der Führergestalten, an die sie glaubten.

Eine zweite Dolchstoßlegende

Die Generation der Ostfront, die hier mit Possessivpronomen an den Zuseher gebunden wird, war eigentlich eine heldenhafte, bis sie versaut wurde von den Bestien, bis man sie verheizte und missbrauchte. Wir gingen als Helden und kommen als Mörder zurück, sagte ein Protagonist enttäuscht und mit pathetischem Selbstmitleid. Wären die Wehrmachtsverbrecher und SS-Mörder nicht in die Quere gekommen, so könnte man heute dem Landser noch Beachtung und Honoration schenken. Die beim Morden grinsenden Teufelsfratzen haben das alles verunmöglicht und »unsere Eltern« mit in die Scheiße geritten. Sie waren bis dahin nur unschuldige Soldaten beim Angriffskrieg.

All das darf und soll nicht als Frage über Zivilcourage verstanden werden. Ich mache nicht mit beim Krieg!, war ja keine Option, die man ziehen konnte. Anzumerken sei aber schon, dass sich Soldaten der Wehrmacht von Erschießungen freistellen lassen konnten und dass viele Soldaten auch psychisch erkrankten, wenn sie doch exekutierten, sodass das große Morden automatisiert werden musste. Dies war der Ursprung der Vergasungen. Ich mache nicht mit bei Exekutionen!, war wenigstens theoretisch eine Wahl, die man hatte. Davon las man in der historischen Literatur jedenfalls oft. Und warum Kolditz den Schöngeist zum Mörder werden ließ und warum nicht zum psychischen Wrack, das am Rande des Suizids über Schlachtfelder taumelt, kann man nicht beantworten. Ein Protagonist, ein Ex-Schöngeist, der nun zum passionierten Soldaten und Exekutoren geworden war, nimmt sich hernach trotzdem das Leben. Pathetisch und nicht von eigener Hand, sondern im letzten Aufbäumen gegen die Russen, in deren Feuer er absichtlich läuft und heldenhaft stirbt, weil er die Schmach nicht verkraften konnte, ganz umsonst und ohne Endsieg Zivilisten exekutiert zu haben.

Der Soldat erlebt hier die Dolchstoßlegende nochmals. Sein Führer erzählte von jener, die Deutschland 1918 den Sieg kostete, von den Juden, die den Krieg an der Heimatfront sabotierten - und nun erlebt der Soldat den Dolchstoß selbst. Ehrenvoll war er, bis ihn Führer und Entourage die Ehre nahmen. Heldenhaftes hatte man vor, bis die SS den Heldenstatus verunmöglichte. Für das Vaterland blutete man, aber der Fanatismus des Nationalsozialismus dezimierte das Vaterland fast stündlich. Wie einst die Juden und Sozialdemokraten dem Soldaten im Felde den Dolch in den Rücken gerammt haben sollen, so waren es jetzt die NS-Granden, die den Dolch in die Rücken der Soldaten und edlen Offiziere trieben.

Sind das Botschaften eines Filmprojektes, das zur geschichtlichen Aufarbeitung ein Beitrag sein will? Pathos und unbelohnter Mut als Indikator historischer Verantwortung? Ein Antikriegsfilm, dessen einziges Anti eigentlich nur ist, diesen Krieg als unmenschlich deswegen darzustellen, weil die Väter dieses Krieges gegenüber ihrem soldatischen Personal nicht den notwendigen Respekt an den Tag legten, weil sie es verheizten und nicht bescheidener und mit weniger ethnischen Säuberungen in den Osten schickten?

Rückschritt in der Antikriegskultur

Dass Unsere Mütter, unsere Väter gleichfalls ein Antikriegsfilm sein soll, las man in den Kritiken mehrfach. Merkmal hierfür war die dort als schonungslos empfundene Brutalität des Dreiteilers. Dabei war diese im Vergleich zu wirklichen Kriegs- oder Antikriegsfilmen lediglich scheu und zurückhaltend. Weder schoss Blut aus Arterien, noch zerriss es Leiber. Wenn man nur an zwei, drei Szenen aus Der Soldat James Ryan denkt (der Handlungsrahmen dieses Films war allerdings durchaus auch pathetisch, nicht aber der darin gezeigte Krieg), so weiß man, was die filmische Darstellung kriegerischer Brutalität bedeuten kann. In einer Szene hängen dort einem Soldaten Gedärme aus dem Torso. In einer anderen versuchen die Kameraden eines Verwundeten die Blutungen aus den vielen Einschusslöchern mit Mull zu stillen, pressen ihre Hände auf die Fontänen, muntern ihn nebenher auf und sehen doch dabei zu, wie seine Augen verlöschen, nachdem er winselte und seine Mutter anrief.

Man muss nicht bis nach Hollywood schauen. Die Brutalität des Krieges wurde im deutschen Film schon massenhaft in Szene gesetzt. Exemplarisch hierfür mag Stalingrad von Joseph Vilsmaier genannt sein. In diesem Werk wird die Materialschlacht greifbar, wobei der Soldat nicht mehr als Material ist. Die Landser darin sind weder mutig noch besonders illusorisch, sind antirussisch getrimmt und dennoch keine ideologischen Monstrositäten, sondern einfach nur Kerle, die es nicht besser wissen. Sie scheißen sich in die Hose vor Angst und knallen alles ab, was sich in den Ruinen Stalingrads bewegt, selbst die eigenen Leute. Der heldenhafte Soldat, der die Situation stets im Griff hat, der wie ein Terminator registriert und auswertet, ist diesem Film fremd. An Blut wurde nicht gespart, schwarz eingefrorene Füße, die aus Stiefeln quillen bekam man inklusive. Der Ekel vor den Auswüchsen des Krieges war Hauptdarsteller. Der Soldat nur Statist.

Das Prädikat »Antikriegsfilm« setzt voraus, dass ein Film die Schrecken des Krieges deutlich zeigen will. Brutalität ist hierbei kein mögliches Mittel, sondern unabdingbares Sujet. Vom Standpunkt dieser Kultur der Abschreckung aus, war der Filmbetrieb in Deutschland schon mal weiter, wesentlich bereiter, die Warnung mit reichlich Kunstblut zu umspülen. Unsere Mütter, unsere Väter ist insofern nicht, wie man irrtümlich las, ein TV-Film mit Antikriegselementen, sondern ein romantisches Bilderbuch aus Liebe und Krieg, der aber wiederum nur wenig gegenständlich wird und nur an hellrot gefärbten Verbänden um Kopf und Bauch inkarniert ist. Unsere Mütter, unsere Väter in die Stilistik des Antikriegsfilms zu ordnen, dient auch dazu, die laue Story und die nicht zu ortende Tiefgründigkeit eines Stückes, das nur zufällig die Staffage des Zweiten Weltkrieges gewählt hat, aufzupolieren. Sie soll die suggerierte Tünche sein, die den Opfermythos kleidet und etwas verbirgt, um all den Kitsch und den romantischen Schund um den heldenhaften Soldaten etwas zu mäßigen und massenkompatibler zu machen.

Der relativistische oder reaktionäre Geschichtsfilm aus Gründen der Unterhaltsamkeit

Unsere Mütter, unsere Väter relativiert, schreibt eine Leidensgeschichte der Täter und fragt nicht nach den wirklichen Opfern, die so gut wie gar nicht erwähnt werden. So verschwinden die jüdischen Eltern einer Hauptfigur einfach. Wohin und unter welchen Umständen erfährt man nicht. (Man erfährt von einer hässlichen Berlinerin, die nun in der Wohnung der beiden Juden lebt, dass sie weg seien. Sie sagt das antisemitisch und sieht dabei natürlich aus wie ein Monster, runtergekommen und mit widerlicher Fratze. Das Böse war im Dreiteiler eben nicht banal.) Die Wehrmacht ist darin fein säuberlich von der SS getrennt - die Massenvernichtung von Russen und Juden war damit fast Sache der SS alleine. Zugleich ist er reaktionär, weil der Krieg zwar irgendwie abschreckend wirken soll, der Krieger aber darin eine charismatische und tapfere Gestalt ist. Er kultiviert den Opferkomplex einer fanatisierten Generation, die sich verführt fühlte und die froh war, dass man nach dem Krieg sagen konnte: Der Hitler war es! Wir sind unschuldig und waren auch Opfer - Opfer wie die Russen, Opfer wie die Juden.

Schirrmacher schreibt in seiner Kritik zum Film, dass alle Vorabkritiken mit Recht hervorgehoben hätten, dass eine neue Phase der filmisch-historischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus eingeleitet sei. Das ist ein Irrtum. Die neue Phase der filmischen Bearbeitung des Nationalsozialismus verzichtet auf Historizität und setzt relativistische oder reaktionäre Impulse aus Gründen der Unterhaltsamkeit. Unsere Mütter, unsere Väter ist vermutlich nicht aufgrund eines Sendungsbewusstsein der beteiligten Filmschaffenden relativistisch und reaktionär geraten, sondern weil der Zuschauer deutscher Geschichte nur dann folgt, wenn darin Liebe und Heldenmut thematisiert werden, wenn die Akteure moralisch ihren Opfergang beschreiten. Die filmische Umsetzung des Nationalsozialismus arbeitet nicht mehr auf, sie will unterhalten. Das reaktionäre Element ist weniger eine Folge politischer Einstellung, als ein Effekt zur unterhaltsamen Abendgestaltung.

Müsste man nun ein Fazit schreiben, so wäre zu sagen, dass der Dreiteiler weder Aufarbeitung noch Antikriegskultur war, nicht historische Schau oder schonungslose Abbildung, sondern einfach nur der Versuch eines unterhaltsamen Spektakels, das zufällig in Kriegszeiten spielt und das dem aktuellen deutschen Drang, die Geschichte zu bereinigen und richtigzustellen zufällig auch noch zupass kommt.

 

Dieser Text erschien ursprünglich bei ad sinistram.

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